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Ein Jahrzehnt von Gewalt und Terror: Wie Boko Haram nigerianische Frauen für seine Zwecke benutzt

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Nigeria women Nigerianisches Mädchen und ihre Schwester im Flüchtlingscamp in Maiduguri, Nordost-Nigeria |  Bild: © USAID [(CC BY-NC 2.0) ]  - flickr

Nigerianisches Mädchen und ihre Schwester im Flüchtlingscamp in Maiduguri, Nordost-Nigeria | Bild: © USAID [(CC BY-NC 2.0) ] - flickr

Ein Jahrzehnt von Gewalt und Terror: Wie Boko Haram nigerianische Frauen für seine Zwecke benutzt

Am Freitag, den 26. Juli, jährte sich zum 10. Mal die Ermordung des Führers und Gründers von Boko Haram, Mohammed Yusuf. Dieser Tag löste ein Jahrzehnt von Gewalt und bewaffnetem Konflikt zwischen der aufständischen Gruppe Boko Haram und der nigerianischen Regierung aus. Seit 2009 verschärften sich die Angriffe der Terrorgruppe in Nigeria, was zu Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und einer schweren humanitären Krise führte, insbesondere im Nordosten des Landes, dem Epizentrum des Konflikts. Diese Gruppe, deren Name „westliche Bildung verboten“ bedeutet, hat zum Ziel, die säkulare Regierung Nigerias zu beseitigen und das Scharia-Recht durchzusetzen. Selbstmordattentate, Massenentführungen und Tausende von Angriffen und Morden, alles mit dem Ziel, in Nigeria einen „islamischen Gottesstaat“ zu errichten. In den letzten zehn Jahren hat Boko Haram den Tod von mehr als 30.000 Menschen verursacht und ca. 228.000 Nigerianer zur Flucht gezwungen. Die Zahl der Binnenvertriebenen ist jedoch viel höher und alarmierender und liegt bei ungefähr 2,4 Millionen. 1) BBC: Boko Haram: A decade of terror explained; Artikel vom 30.07.2019 2)voa news: After 10 Years of Boko Haram Violencie, Nigerians Crave Peace; Artikel vom 25.07.2019 3) The Washington Post: Suspected Boko Haram fighters kill 65 in attack on funeral in Nigeria; Artikel vom 29.07.2019

Aber das Ereignis, das vorübergehend globale Medienaufmerksamkeit auf sich zog, war Boko Harams Angriff auf Schulmädchen in der Kleinstadt Chibok. Im April 2014 entführte die Gruppe 276 Mädchen während des Schulbesuchs, ein Ereignis, das zu internationaler Verurteilung führte. Mehr als die Hälfte dieser Mädchen wird noch vermisst. Der Vorfall zeigte der Rebellengruppe jedoch, dass Entführungen ihr internationale Aufmerksamkeit verschaffen könnten. Infolgedessen entführte Boko Haram vier Jahre nach Chibok 110 Mädchen aus einer anderen Schule in Dapchi im Nordosten Nigerias. Seit 2013 hat die Gruppe mehr als tausend Kinder entführt. 4) Deutschlandfunk: Chibok-Mädchen in Nigeria: Seit fünf Jahren in den Klauen von Boko Haram; Artikel vom 15.04.2019 5) Zeit: Boko Haram: Regierung bestätigt Entführung von mehr als 100 Mädchen; 25.02.2018

Nigerianische Frauen leiden besonders unter der willkürlichen Gewalt und dem Terror von Boko Haram. Die entführten Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, zwangsheiratet und als Sklavinnen eingesetzt. Für Boko Haram ist die Entführung von Frauen insbesondere aus zwei Gründen wichtig: Sie sind für die Erziehung der zukünftigen Generationen der aufständischen Gruppe verantwortlich und gleichzeitig werden sie wie Sklavinnen verkauft. Das UNHCR berichtet, dass Boko Haram allein in den letzten 4 Jahren mehr als 2000 Mädchen und junge Frauen entführt hat. 6) UNHCR: Boko Haram en Nigeria: terror y violencia contra la mujer; Artikel vom März 2019 7) UNHCR: El drama de las mujeres nigerianas; Artikel vom August 2016 8) Wathi: Nigeria: Women and the Boko Haram Insurgency; Beitrag vom Dezember 2016

Als ob all diese Menschenrechtsverletzungen nicht genug wären, begann Boko Haram, entführte Frauen und Mädchen in ihren kriminellen Operationen einzusetzen, hauptsächlich als Selbstmordattentäter bei öffentlichen Angriffen. Nach Angaben des US-Combating Terrorism Center hat die Islamistengruppe allein im Jahr 2011 bei mindestens 244 ihrer 338 Angriffe Frauen und Mädchen als Selbstmordattentäter eingesetzt. Im Jahr 2017 ergab die gleiche Studie, dass sich diese Zahl verdoppelt hatte. 9) Welt: Wie Boko Haram junge Frauen als Waffen benutzt; Artikel vom 03.02.2015 10) ORF news: Boko Haram setzt mehr Kinder für Selbstmordattentate ein; Artikel vom 12.04.2017 11) Aljazeera: The brave women fighting Boko Haram in Nigeria; Artikel vom 10.07.2019

Außerdem gibt es hunderte von Frauen, die die Missbräuche von Boko Haram überleben. Sie werden von staatlichen Sicherheitskräften gerettet und in sogenannte „survivor camps“ gebracht. In diesen Lagern gibt es nur wenige Möglichkeiten zu arbeiten oder Lebensmittel zu beschaffen, und dieser Mangel hat zur sexuellen Ausbeutung dieser Frauen die Offiziere und Sicherheitskräfte beigetragen, die sie eigentlich schützen sollten. Von ähnlichen Missbräuchen berichten Frauen in Binnenvertriebenenlagern, die aus Konfliktzonen mit Boko Haram geflohen sind. Nach Untersuchungen von Amnesty International und Human Rights Watch gibt es Tausende von Fällen vertriebener Frauen, die durch Sicherheitskräfte, Wachen, Polizisten und Soldaten ausgebeutet und sexuell missbraucht werden, um Nahrung oder Wasser zu erhalten. 12) Amnesty International: Nigeria: Boko Haram survivors raped and starved my military ‚rescuers‘; Artikel vom 24.05.2018 13) Human Rights Watch: Nigeria: Officials Abusing Displaced Women and Girls; Artikel vom 31.10.2016

Aufgrund dieses kritischen und gefährlichen Konflikts sind mehr als zwei Millionen Nigerianer gezwungen, ihre Häuser im Nordosten des Landes zu verlassen. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind Frauen und Mädchen. Sie sind verwundbarste Mitglieder der Gesellschaft in diesem verheerenden Konflikt. Willkürliche Morde, die Zerstörung von Dörfern, die ständige Gefahr vor Entführungen und die dadurch verursachte Krise sind die Hauptfaktoren, die die Nigerianer zur Flucht veranlasst haben. 14) UNHCR: El drama de las mujeres nigerianas; Artikel vom August 2016

Ein Jahrzehnt ist seit den Anfängen von Boko Haram vergangen, aber der Konflikt bleibt bis heute. Obwohl sie seit mehr als 10 Jahren in der Öffentlichkeit steht, ist wenig über diese extremistische Gruppe und ihre Angriffe bekannt. So gab es beispielsweise allein in der letzten Woche mindestens 5 Entführungen im Nordosten Nigerias, aber es gibt kaum Nachrichten auf internationalen Medienplattformen darüber. Der Konflikt mit Boko Haram hat nicht nur Tausende von Toten und Millionen von Vertriebene verursacht, sondern auch ein starkes Trauma in der nigerianischen Gesellschaft geschaffen – insbesondere für Frauen und Mädchen. 15) Anadolu Agency: Boko Haram abducts 5 women in troubled Nigerian town; Artikel vom 23.07.2019

Die nigerianische Regierung ist jedoch bei der Bekämpfung von Boko Haram ineffektiv und alleine nicht in der Lage, die Situation in Nigeria zu kontrollieren. Der starke Zulauf zu Boko Haram ist auf die Korruption und die Ölförderung in Nigeria zurückzuführen. Die zunehmende Korruption hat das Land in eine Position gebracht, in welcher es nicht gerüstet ist, Sicherheitsbedenken zu begegnen. Vor allem, wenn es um die Bekämpfung der illegalen und dunklen Wege geht, durch die Boko Haram Unterstützung erhält. 16) Global Financial Integrity: Stopping Boko Haram by Curtailling Illicit Finance; Artikel vom 11.06.2014

Außerdem ist dieses Land Afrikas größter Erdölproduzent. Die Ölindustrie in Nigeria wird hauptsächlich von internationalen Konzernen, wie zum Beispiel Royal Dutch Shell und Eni, britisch-niederländische und italienische Unternehmen, durchgeführt. Die Ölgeschäfte korrumpieren nigerianische staatliche Organe wie die Regierung oder das Militär. Die beiden genannten europäischen Konzerne sind wegen korrupter Zahlungen in Milliardenhöhe an die nigerianische Regierung in 2017 vor Gericht gestellt. Aber das ist kein neues Thema in Nigeria. Seit Jahrzehnten nimmt die Regierung des Landes viel Geld durch die Rohölförderung ein. Doch wohin diese Staatseinnahmen aus der Ölindustrie fließen, ist unklar. Kaum in konstruktive Strategien zur Bekämpfung der Armut oder zur Bekämpfung von Boko Haram. Von diesen Gewinnen profitieren meistens nur Beamte und Politiker. So beschuldigte der nigerianische Präsident im Jahr 2015 seinen ehemaligen Sicherheitsberater, zwei Milliarden Dollar von der Regierung gestohlen zu haben, die dazu bestimmt waren Waffen zur Bekämpfung von Boko Haram zu erwerben. Und so lässt die Korruption und der Ölreichtum in Nigeria, der von internationalen Konzernen befördert wird, Boko Haram gedeihen. 17) Fluchtgrund: Nigeria; aufgerufen am 06.08.2019 18) Fluchtgrund: Ölförderung in Nigeria: Eni und Shell wegen Korruptionsverdachts vor Gericht; Artikel vom 01.02.2018 19) The Objective: Miles de nigerianos han muerto „innecesariamente“ en manos de Boko Haram debido a la corrupción del país; Artikel vom 20.11.2015

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

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Ich bin die Mica, ecuadorianische Studentin von Politikwissenschaft und Soziologie. Ich interessiere mich sehr für Entwicklungsländer und ihre politische und sozial relevante Situationen. Ich möchte bei earthlink mich mit entwicklungspolitischen Themen beschäftigen und hoffe, ich werde noch vieles lernen.

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