Seiten
Kategorien

Afrika wäre reich, würden ausländische Konzerne dort rechtmäßig Steuern zahlen

-

 Auf Steuerinseln wie Mauritius werden viele Gelder aus Afrika verschoben |  Bild: © Sofitel So Mauritius [CC BY-NC-ND 2.0]  - Flickr

Auf Steuerinseln wie Mauritius werden viele Gelder aus Afrika verschoben | Bild: © Sofitel So Mauritius [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Afrika wäre reich, würden ausländische Konzerne dort rechtmäßig Steuern zahlen

Entwicklungsländer bräuchten keine Entwicklungsgelder mehr, wenn multinationale Unternehmen dort angemessene Steuern zahlen würden. Durch Steuerflucht und –vermeidung oder extrem niedrige Steuersätze entgehen Entwicklungsländern weitaus mehr Gelder, als ihnen durch Entwicklungshilfe zukommt. Der Unterschied: Steuergelder stehen ihnen eigentlich rechtmäßig zu.

Das Schema ist immer das Gleiche –viele multinationale Unternehmen hinterziehen beziehungsweise vermeiden Steuern, indem sie zum Beispiel eine Tochtergesellschaft in einem Steuerparadies gründen. Briefkastenfirmen in Panama, wo kein einziger Mitarbeiter sitzt oder der Großteil der Gewinnerzielung auf der Steuerinsel Bermuda sind offensichtliche Zeichen von Steuerhinterziehung – und dennoch wird wenig dagegen unternommen. Die Bemühungen der Staaten halten sich in Grenzen. Teilweise wurde die Bekämpfung der Schattenfinanzzentren sogar aktiv verhindert. Die Anstrengungen der Unternehmen, immer wieder Schlupflöcher zu finden, sind unersättlich. Dabei fällt ihnen das meist relativ leicht. Es gibt sogar auf Steuervermeidung spezialisierte Firmen wie „Deloitte“, die auf ihren Konferenzen beispielsweise ausführen, wie man in Mosambik Steuern vermeiden kann – einem der ärmsten Länder der Welt! Das gleiche Schema wie bei der Steuerhinterziehung in den reicheren Ländern wird auch auf Entwicklungsländer angewandt – mit dem Unterschied, dass das Geld dort noch dringender für Krankenhäuser oder Schulen gebraucht wird. 1) DW: Leere Staatskassen in Afrika durch Konzerne; Artikel vom 06.05.2016  2) Misereor, Global Policy Forum Europe und terre des hommes: UmSteuern – Folgen von Kapitalflucht und Steuerhinterziehung für die Länder des Südens; Publikation vom 01.06.2011

Wenn die Gewinne nicht durch legale Steuervermeidung behalten werden können, greifen viele Firmen zur illegalen Steuerflucht. Zahlen werden schlichtweg erfunden oder gefälscht, auch Korruption spielt eine wichtige Rolle. Darüber hinaus handeln Staaten wie Deutschland zahlreiche Doppelbesteuerungsabkommen mit anderen Ländern aus, damit multinational agierende Firmen nicht doppelt Steuern zahlen müssen. Diese fallen meistens sehr günstig für die reicheren Länder aus – sie schlagen für sich zahlreiche Ausnahmen heraus. Die EU-Länder verhandeln besonders einseitig: Durchschnittlich wandern 60 Prozent der Steuern nach Europa, obwohl dort nur ein kleiner Teil der Wirtschaftsleistung erbracht wird. Am schlimmsten sind Deutschland und Irland – sie holen rund 70 Prozent der Steuerbasis zu sich. Obendrein findet unter den Entwicklungsländern ein regelrechter Steuersenkungswettbewerb statt, da jedes Land die Firmen mit möglichst niedrigen Steuersätzen anlocken will. Während die durchschnittlichen Steuereinnahmen in Industrieländern bei 30-40 Prozent ihres BIP liegen, betragen sie bei Ländern mit niedrigem BIP eher 10-20 Prozent. 3) Der Standard: Steuerabkommen – Wie ein Großteil von Afrikas Steuern in Europa landet; Artikel vom 26.09.2018 4) DW: Jenseits von Afrika – Wie Unternehmen Steuern umgehen; Artikel vom 21.04.2019 5) Development in Action: The Role of Tax in Developing Countries; Artikel vom 18.02.2016 6) VIDC: Steuern und Oasen; Video vom 30.01.2012

Die Folgen dieser desaströsen Steuerwirtschaft sind fehlende finanzielle Mittel für Schulen, Krankenhäuser, Infrastruktur und Armutsbekämpfung. Gelder, die durch Korruption abgezweigt werden, entsprechen nur einem Viertel der Steuerverlustmittel. Diese katastrophalen Zustände treiben viele Menschen in die Flucht – sie wollen auch so ein Leben wie die ausländischen Firmenbesitzer. Die Ressourcen ausbeutenden Konzerne machen sich den Reichtum des Landes zu Eigen. Sie profitieren zudem von Standortvorteilen durch sehr niedrige Lohn- und Betriebskosten sowie geringe Umwelt- und Sicherheitsvorschriften. Sie achten nur auf den eigenen Profit, ohne das Grundprinzip von Besteuerung zu berücksichtigen – wer wirtschaftliche Leistung erbringt, ist dort auch für die sozialen Notwendigkeiten verantwortlich. Steuern stehen den Ländern schließlich rechtmäßig zu – würden diese angemessen gezahlt, müsste auch keine scheinheilig gutherzige Entwicklungshilfe geleistet werden. Laut UN-Wirtschaftskommission für Afrika verlieren die afrikanischen Staaten jährlich etwa 100 Milliarden Dollar durch fehlende Steuereinnahmen, nach anderen Schätzungen wie der des Internationalen Währungsfonds sind es sogar 175 Milliarden Euro. Das ist drei Mal so viel, wie durch Entwicklungshilfe ins Land kommt. Die kenianische ActionAid-Aktivistin Stella Agara betont: „Würden diese Einnahmen tatsächlich in die Staatskassen fließen, müsste keiner mehr über Entwicklungsgelder für Afrika nachdenken.“ 7) DW: Leere Staatskassen in Afrika durch Konzerne; Artikel vom 06.05.2016

Der Kongo ist eines der Länder Afrikas mit den meisten Rohstoffen. In den Panama Papers taucht weit oben Kabila, die Schwester des Präsidenten auf, die ein Netzwerk mit 80 verschiedenen Firmen um die Präsidentenfamilie aufgebaut haben soll. Dieses Unternehmensgeflecht ist völlig undurchsichtig, viele Firmen sitzen offiziell in Panama. Steuerunterlagen werden in handgeschriebenen Büchern festgehalten, welche nie mit anderen handgeschriebenen Büchern verglichen werden. 15 Milliarden US-Dollar verlassen das Land jährlich auf illegalem Weg. Das gesamte übriggebliebene Budget beträgt lediglich 5-6 Milliarden. Damit wird gerade einmal  die oberste Schicht der Beamten bezahlt, für die Bevölkerung bleibt fast nichts. Auch in Burundi und vielen weiteren Ländern sind es die Eliten, die nahezu das gesamte Geld des Landes verwalten – und Millionen Dollar ins Ausland bringen. Internationale Unternehmen helfen mit, die Bevölkerung und die Rohstoffe auszuplündern, während die Länder in Chaos, Gewalt und Bürgerkrieg versinken. 8) DW: Panama Papers – Wie lokale Machthaber und Eliten Afrika ausplündern; Artikel vom 17.10.2017 9) ZAM: How African oligarchs steal from their countries; Stand 11.07.2019

Der Kolonialismus ebnete einst den Weg für die massiven Steuererleichterungen internationaler Konzerne. Die Aushandlungen von Steuerabkommen zwischen den Ländern sind von den langjährigen Machtungleichheiten geprägt. Der Druck am Verhandlungstisch ist massiv, es geht um einige Millionen. „Viele Multis haben mehr Kapital als viele afrikanische Staaten“ weiß Stella Agara. Problematisch bei der Aushandlung von internationalen Steuerabkommen ist auch die schlechte Ausbildung und mangelnde Erfahrung vieler Mitarbeiter in afrikanischen Ländern. Das Beispiel von Ruanda zeigt aber, dass die Länder nicht dauerhaft in diesen Abkommen gefangen sind. Das kleine afrikanische Land hat 2013 sein Steuerabkommen mit Mauritius neu verhandelt, sodass es nun Einnahmen von Unternehmen mit Sitz in Mauritius besteuern darf. Ein gutes Beispiel für andere Länder: auch Nigeria, Malawi und Sambia haben ihre Abkommen gekündigt oder neu aufgesetzt. 10) DW: Leere Staatskassen in Afrika durch Konzerne; Artikel vom 06.05.2016

Afrika ist besonders betroffen. Die Kapitalflucht steigt dort am schnellsten, obwohl es der ärmste Kontinent ist. Dabei ist Jörg Alt, Herausgeber einer neuen Studie zu Steuerflucht, anderer Meinung: „Afrika ist in der Tat ein reicher Kontinent.“ 11) OXI: Was hat die internationale Steuerpolitik mit der Armut in Afrika zu tun?; Artikel vom 20.03.2018  Wenn die grenzenlose Profitgier von Unternehmen, die eigenen Eliten und unfaire internationale Abkommen das Land nicht so ausbeuten würden, wenn Steuern angemessen erhoben und der Bevölkerung zugutekommen würden, gehörte das Bild des armen Afrika der Vergangenheit an.

Beitrag teilen und unterstützen! (Bisher 1428 Mal geteilt)

Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Yolanda Schrag

Nach meinem Bachelorabschluss in Ethnologie und einer Reise durch verschiedene Länder Mittelamerikas verbringe ich nun 10 Wochen bei earthlink. Hier möchte ich einen Beitrag zu ihrer entwicklungspolitischen Arbeit leisten und ein Berufsfeld und eine Masterausrichtung ausprobieren, die ich mir gut vorstellen kann.

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Weitere interessante Infos:
 Ein Flüchtlingslager in der Republik: Die Zustände sind miserabel | Bild (Ausschnitt): © European Commission DG ECHO [CC BY-ND 2.0] - Flickr

Demokratische Republik Kongo: Die am meisten missachtete Flüchtlingskrise weltweit?

Die Amtszeit des Präsidenten Joseph Kabila der Demokratischen Republik Kongo ist bereits seit Ende 2016 abgelaufen. Seither ist dieser nicht legitim im Amt. Zwar hat er Neuwahlen zugesagt, jedoch zögert er diese seit Langem hinaus. ...
United Nations Operation in Burundi (ONUB) UN-Soldaten in Burundi 2004. Jüngst sprach Burundis Regierung UN-Experten allerdings ein Aufenthaltsverbot aus - weil diese ihr schwere Menschenrechtsverletzungen vorwerfen | Bild (Ausschnitt): © United Nations Photo [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Eine vergessene humanitäre Krise: Burundi

28 burundische Künstler sind vergangenen Monat bei einem Schweizer Kulturfestival nach und nach verschwunden. Sie sind mit einem Touristenvisum eingereist und anschließend untergetaucht. Die Situation im ostafrikanischen Land hat sich in den letzten Jahren nicht ...
Tax havens Aggressive Steuervermeidung befördert Armut und damit Migration | Bild (Ausschnitt): © thetaxhaven [CC BY 2.0] - Flickr

Internationale Steuerflucht und Armut in Entwicklungsländern hängen eng zusammen – Deutschland trägt eine Mitschuld

Aggressive Steuervermeidung auf globalem Niveau hängt mit der Armut in den ärmeren Ländern der Welt zusammen. Die reichen Nationen tragen daran eine Mitschuld und müssen etwas ändern. Dies zeigt ein neues Forschungsprojekt.
 | Bild (Ausschnitt): © Oxfam International [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Steuerumgehung und -hinterziehung: Superreiche enthalten Entwicklungsländern Milliardenbeträge vor

„Reward Work, not Wealth“. Der vor kurzem von der Entwicklungsorganisation Oxfam veröffentlichte Bericht sorgt für Aufruhr. Oxfam illustriert die globale Ungleichheit. Die Zahlen sind erschreckend – so groß war die Schere zwischen arm und reich ...
Steuerparadies Steueroase | Bild (Ausschnitt): © Mrs eNil [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Wenn deutsche Entwicklungshilfe in Steueroasen landet

Superreiche und multinationale Unternehmen nutzen Steueroasen zur legalen Steuervermeidung. Was durch die Paradise Papers einmal mehr ans Licht kam ist im Grunde schon seit Jahren bekannt, wenn auch das Ausmaß jedes Mal wieder überrascht. Verwunderlicher ...
Flüchtlingslager | Bild (Ausschnitt): © Elisa Finocchiaro [CC BY-NC 2.0] - Flickr

Ruanda: Konstruierter Konflikt

„Die Lage in Ruanda ist im Moment perfekt“, so der Vertreter des Landes bei der UNHCR, Saber Azam. Bereits 2013 berichtete die ruandische Regierung, sie habe Stabilität und Frieden im Land geschaffen. Somit gebe es ...
Ausführlicher Hinweis zum Datenschutz
[contentblock id=datenschutz]

Diesen Hinweis schließen

Jetzt den earthlink-Newsletter abonnieren:



Das Formular
wird geladen -
bitte einen Moment ...
PGlmcmFtZSBmcmFtZWJvcmRlcj0iMCIgYm9yZGVyPSIwIiBzdHlsZT0iYm9yZGVyOm5vbmU7IiBjbGFzcz0iYXV0b0hlaWdodCIgc3JjPSJodHRwOi8vd3d3LmVhcnRobGluay5kZS8/d3BtbG1ldGhvZD1vZmZzaXRlJmlmcmFtZT0xJmxpc3Q9MSIgaGVpZ2h0PSI0MDAiPg0KCTxwPkRhcyBGb3JtdWxhciBsw6RkIC0gYml0dGUgZWluZW4gTW9tZW50IHdhcnRlbiAuLi48L3A+DQo8L2lmcmFtZT4=
Ihre Daten behalten wir für uns!
Unsere Datenschutzerklärung
Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Liebe Leserinnen und Leser:

Verzeihen Sie bitte die Störung. Heute bitten wir Sie um Ihre Unterstützung. Unsere Kampagne "Fluchtgrund" erfährt großen Zuspruch und viel Lob für die umfangreichen und fundierten Informationen, die wir auf dieser Website bieten. Die Informationen werden genutzt von Interessierten, die sich objektiv über die Gründe informieren möchten, die Menschen dazu bringen ihre angestammte Heimat zu verlassen, von Schülerinnen und Schülern um Referate vorzubereiten, aber auch von Journalistinnen und Journalisten auf der Suche nach detaillierten Hintergrundinformationen. Aber nur ein Bruchteil der Nutzer spendet.

Trotzdem ein großer Teil der Arbeit durch Ehrenamtliche erbracht wird, kostet die Kampagne auch Geld. Hier sind wir auf Ihre Spende angewiesen! Wenn alle, die dies lesen, einen kleinen Beitrag leisten, hätten wir in einem Monat das Geld zusammen, das wir für ein Jahr benötigen. Schon der Preis einer Tasse Kaffee würde genügen. Es ist leicht, diese Nachricht nicht zu beachten und die meisten werden das wohl tun.

Wenn Sie diese Website nützlich finden, nehmen Sie sich jetzt bitte eine Minute Zeit und geben Sie mit Ihrer Spende etwas zurück. Herzlichen Dank!

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?

Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Sie können uns Ihre Spende online per PayPal zukommen lassen. Wenn Sie noch kein PayPal-Konto haben, können Sie hier auch mit Kreditkarte spenden.

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?

Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Herzlichen Dank für Ihre Spendenbereitschaft!

Ihre Spende können Sie gerne auf unser Spendenkonto überweisen oder einzahlen:

[contentblock id=spendenkonto]

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?