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Südamerika: Wird der Fluch des Öls Guyana zum nächsten Krisenherd machen?

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Viele ölreiche Länder sind geprägt von Armut, Leid und unzähligen Konflikten. Guyana könnte durch die Ölförderung zum nächsten Krisenherd werden. Viele ölreiche Länder sind geprägt von Armut, Leid und unzähligen Konflikten. Guyana könnte durch die Ölförderung zum nächsten Krisenherd werden. |  Bild: © DVIDSHUB [CC BY 2.0]  - flickr

Viele ölreiche Länder sind geprägt von Armut, Leid und unzähligen Konflikten. Guyana könnte durch die Ölförderung zum nächsten Krisenherd werden. | Bild: © DVIDSHUB [CC BY 2.0] - flickr

Südamerika: Wird der Fluch des Öls Guyana zum nächsten Krisenherd machen?

Guyana, ein kleines, bislang relativ unscheinbares Land im Norden Südamerikas rückte in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Aktuell eines der ärmsten Länder in der Region, könnte Guyana bald zu einem der größten Ölproduzenten Lateinamerikas werden.  Erst 2015 wurden von dem amerikanischen Unternehmen Exxon-Mobil massive Ölvorkommen knapp 200 Kilometer vor der Küste  Guyanas entdeckt. Insgesamt wurden von Exxon bisher 13 Lagerstätten ausfindig gemacht, deren Volumen zusammen mindestens 5,5 Milliarden Barrel Öl (ein Barrel entspricht 159 Litern) beträgt. Allein die Bruttoinnahmen aus der Ölförderung in Exxons Ölfeld könnten sich pro Jahr auf bis zu 27 Milliarden US-Dollar belaufen – und das für mindestens 30 Jahre. 1) VDMA: Öl-Boom in Guyana; Artikel vom 10.05.2019 2) BBC: Will Guyana soon be the richest country in the world?; Artikel vom 09.05.2019 3) Offshore Energy Today: ExxonMobil strikes two more oil finds offshore Guyana; Artikel vom 06.02.2019

Die Bewohner Guyanas hoffen, dass der Öl-Boom auch ihnen zugutekommen wird. Aktuell leben knapp 40 Prozent der ca. 750 000 Guyaner in Armut. Das Land weist eine hohe Arbeitslosigkeit auf und viele junge Menschen wandern auf der Suche nach besseren Perspektiven aus. Das könnte sich in Zukunft ändern.  Die Erdölförderung könnte Arbeitsplätze und Investoren ins Land bringen und die Entwicklung Guyanas vorantreiben. Doch viele Beobachter sind skeptisch. Ein Blick auf einige der ölreichsten Länder der Welt zeigt, dass Erdöl und allgemeiner Wohlstand nicht immer Hand in Hand gehen. Ganz im Gegenteil – oft wird sogar von einem „Öl-Fluch“ gesprochen, welcher Länder mit großen Ressourcenvorkommen heimsucht. Ausgerechnet ölreiche Länder wie Nigeria, der Irak oder Guyanas Nachbarland Venezuela sind geprägt von Armut, Leid und unzähligen Konflikten. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft kommen oft nur einer kleinen Gruppe von Machthabenden zu Gute, welche fragwürdige Verträge mit ausländischen Öl-Konzernen aushandeln. Der Kampf um die Kontrolle über die wertvolle Ressource verstärkt Spannungen und führt zu blutigen Konflikten, unter welchen die Zivilbevölkerung am meisten leidet.  Solange Geld fließt, wird dieses Elend von den Mächtigen ignoriert. 4) Latinapress: Guyana: Bald das reichste Land der Welt?; Artikel vom 09.05.2019 5) Spiegel Online: Der Fluch der Ressourcen; Veröffentlicht 2006 6) BBC: Guyana profile – Timeline; Veröffentlicht am 11.02.2019

Auch in Guyana besteht Potenzial für zukünftige Konflikte. Das Land ist geprägt von ethnischen Spannungen, welche auf die Kolonialzeit zurückgehen. Damals, unter holländischer und schließlich britischer Führung, wurden afrikanische Sklaven und Inder ins Land gebracht. Später, vor allem unter britischer Kolonialherrschaft, wurden Spannungen zwischen den beiden Gruppen bewusst angeheizt, um sie gegeneinander auszuspielen. Nachdem Guyana 1966 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, verstärkte sich der Konflikt. Zwei auf den beiden ethnischen Gruppen basierende politische Parteien entstanden, welche bis heute bestehen: die indo-guyanische People’s Progressive Party (PPP) und die afro-guyanische People’s National Congress (PNC). Von 1966 bis 1992 war die PNC an der Macht und von 1992 bis 2015 die PPP. Beide Parteien versuchten unter ihrer jeweiligen Führung Menschen der eigenen Ethnie möglichst viel Einfluss und Wohlstand zu verschaffen, während die Opposition massiv diskriminiert wurde. Als 2015 zum ersten Mal ein multiethnisches Bündnis gewählt wurde, kam vor allem bei der afro-guyanischen Minderheit Hoffnung auf, dass sich die Lage im Land ändern könnte. Doch die Entdeckung der Ölvorkommen hat Rivalitäten zwischen den beiden Gruppen wieder aufleben lassen. 7) BBC: Guyana profile – Timeline; Veröffentlicht am 11.02.2019 8) In These Times: Guyana’s Post-Colonial Plight; Artikel vom 13.08.2010 9) Neue Zürcher Zeitung: Guyanas schwieriges koloniales Erbe; Artikel vom 22.01.2016 10) Neue Zürcher Zeitung: Oppositionsbündnis siegt in Guyana; Artikel vom 17.05.2015

Das aktuelle Regierungsbündnis unter Präsident David Granger handelte schnell Verträge mit verschiedenen ausländischen Öl-Konzernen aus. Als deren Details an die Öffentlichkeit gelangten, regte sich unmittelbar Kritik. Die ausgehandelten Deals seien vor allem für die ausländischen Konzerne profitabel, nicht jedoch für Guyana selbst. Unternehmen wie Exxon zahlen extrem geringe Lizenzgebühren an den guyanischen Staat und genießen Privilegien wie weitreichende Steuerfreiheit. Kritiker beklagen außerdem, dass die Öl-Unternehmen im Vorfeld der Bohrungen absichtlich die eigenen Kosten künstlich hoch treiben, welche dann später von Guyana zurückgezahlt werden müssen. Von den Einnahmen der Ölförderung bleibt Guyana selbst demnach nur ein winziger Profit, während ausländische Konzerne Milliarden verdienen. 11) Demerara Waves: President Granger’s Petroleum Advisor criticizes ExxonMobil’s low royalty payment, control of large concession; Artikel vom 07.02.2018 12) Pambazuka News: ‚Hit-And-Run Capitalism‘ Targets Guyana’s Oil And Gas; Artikel vom 24.03.2019 13) Stabroek News: More oil companies exempted from range of taxes in Guyana; Artikel vom 27.05.2019

Am Streit um die Ölverträge und um die Kontrolle über den Rohstoff zerbrach auch das multiethnische Regierungsbündnis Guyanas, als im Dezember 2018 Präsident Granger durch ein Misstrauensvotum seines Amtes enthoben wurde. Die Hoffnung, welche nach der Wahl 2015 aufkam, wich schnell der Angst, dass ethnisch-politische Streitigkeiten wieder eskalieren könnten. Die Auseinandersetzung verschärfte sich massiv im Laufe dieses Jahres. Zum aktuellen Zeitpunkt haben immer noch keine Neuwahlen stattgefunden. Somit steht Granger weiterhin an der Spitze Guyanas, obwohl er bereits im vergangenen Jahr „gefeuert“ wurde. Die PPP, welche nicht Teil der Regierung ist, sieht die bestehende Regierung deshalb als unrechtmäßig an. Die Partei hofft, dass die Unzufriedenheit der indo-guyanischen Wähler über die aktuelle Lage im Land der PPP bei der nächsten Wahl eine absolute Mehrheit verschaffen wird. Die afro-guyanische Minderheit hingegen sieht in dem vergangenen Misstrauensvotum einen indo-guyanischen Verrat. Sollte die PPP die nächsten Wahlen tatsächlich gewinnen, könnte die afro-guyanische Bevölkerung davon überzeugt sein, dass ihre Interessen in Guyana nicht geschützt werden und sich gegen die Regierung stellen.  Das Ergebnis wäre wahrscheinlich eine Eskalation ethnischer Gewalt, die Lähmung des Staatsapparats sowie die Ausweitung von Kriminalität und Korruption in Guyana. 14) Global Americans: Guyana at Risk: Ethnic politics, oil, Venezuelan opportunism and why it should matter to Washington; Artikel vom 31.12.2018 15) Reuters: Guyanese parliament brings down government, triggering elections; Artikel vom 22.12.2018

Das Öl birgt noch weitere Risiken für Guyana. Viele Reis- und Zucker-Farmer im Land fürchten, dass die Regierung den Agrarsektor von nun an vernachlässigen wird, um sich voll auf Investitionen in die Ölförderung zu konzentrieren. Dies könnte Arbeitslosigkeit und Armut in ländlichen Regionen fördern und Guyanas Wirtschaft stark vom Öl und den damit verbundenen ausländischen Konzernen abhängig machen. Des Weiteren warnen Umweltschützer vor den Auswirkungen der Ölbohrungen auf  die gesamte Region. In der Vergangenheit hatten bereits mehrfach Öl-Lecks im nahegelegen Trinidad und Tobago Umweltkatastrophen in Nationalparks entlang der nördlichen Küste Südamerikas verursacht. Solche Unfälle zerstören nicht nur maritimes Leben, sondern nehmen lokalen Fischern auch die Lebensgrundlage. Sanktionen für die verantwortlichen Konzerne gibt es selten und die Missstände, welche die Ölförderung verursacht, werden häufig ignoriert. Sollte Guyana vollends vom Öl abhängig werden könnte auch dies zu inter-ethnischen Konflikten beitragen. Zusammen mit der angespannten politischen Lage könnte der „Öl-Fluch“ somit in naher Zukunft auch Guyana in einen Krisenherd verwandeln. 16) Jamaica Observer: Guyana hopes oil will bring wealth – not corruption, crisis; Artikel vom 21.02.2019 17) The New York Times: The $20 Billion Question for Guyana; Artikel vom 20.07.2018 18) The Conversation: Guyana, one of South America’s poorest countries, struck oil. Will it go boom or bust?; Artikel vom 01.11.2017

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Jessica / earthlink

Ich bin Studentin und pendle zwischen Deutschland und meiner Wahlheimat Litauen im Baltikum. Bei EarthLink möchte ich mich entwicklungspolitisch engagieren und Einblick in die Arbeit einer NGO erhalten.

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