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Pharmakonzerne bringen Entwicklungsländer um jährlich 112 Millionen Dollar

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Tax havens Aggressive Steuervermeidung befördert Armut und damit Migration |  Bild: © thetaxhaven [CC BY 2.0]  - Flickr

Aggressive Steuervermeidung befördert Armut und damit Migration | Bild: © thetaxhaven [CC BY 2.0] - Flickr

Pharmakonzerne bringen Entwicklungsländer um jährlich 112 Millionen Dollar

Pfizer, Merck, Johnson&Johnson und Abbot sind vier der größten Pharmakonzerne der Welt. Sie produzieren bekannte Marken wie Neutrogena, Anadin und Tylenol, aber auch lebensrettende Medikamente. Zusammen generierten sie in den Jahren 2006 bis 2015 einen weltweiten Umsatz von 1,8 Billionen US-Dollar – das sind durchschnittlich 180 Milliarden Dollar jährlich. Dabei umgehen sie Steuern im Wert von 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr und Schaden so den Staatshaushalten – vor allem in Entwicklungsländern. Das legt ein kürzlich von Oxfam veröffentlichter Bericht nahe.

Umsätze dieser Größenordnung machen die Konzerne zu mächtigen und einflussreichen Wirtschaftsunternehmen. Um die Profitabilität noch zu steigern wird auf verschiedene Mittel zurück gegriffen, die nicht nur moralisch höchst fragwürdig sind. So nutzt die Pharmaindustrie ihre Macht und ihren Einfluss, um zunächst überhaupt zu verhindern, dass Preise für Medikamente sinken. Im Gegenteil – ein beispielhaftes Brustkrebsmedikament von Pfizer kostet in der Herstellung 1,16 Dollar. Verkauft wird es – je nach Land – für zwischen 276 und 912 Dollar. Das erschwert vor allem für ärmere Menschen den Zugang zu teils lebensrettenden Medikamenten. Auch investieren die Konzerne im großen Stil in Lobbying, um die Regierungspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen und so beispielsweise ihre Steuern so niedrig wie möglich zu halten und ihre Profite zu maximieren. Insbesondere in den Vereinigten Staaten wird dies deutlich, da die Industrie hier jedes Jahr über 200 Millionen Dollar für Lobbyisten und politische Spenden ausgibt.

Darüber hinaus geht die Steuervermeidung, die Pharmakonzerne offenbar betreiben. Der Bericht von Oxfam vergleicht Gewinne, Umsätze und Renditen der oben genannten vier größten US-Pharmaunternehmen in 20 Ländern. Er setzt sie anschließend ins Verhältnis zur globalen Durchschnittsrendite. Dabei weisen Länder mit durchschnittlichem Steuersatz Renditen um die sechs Prozent auf. In Steueroasen wie Irland, Singapur und den Niederlanden erreichen die Renditen allerdings durchschnittlich 31 Prozent. Abbott, als Beispiel, will 75 Prozent Gewinn in Irland gemacht haben, gleichzeitig aber 36 Prozent Verlust in Indien. Die Konzerne verschieben also ihre Gewinne in Steueroasen, sodass sie in Ländern mit höheren Steuerbeiträgen weniger Abgaben leisten müssen. Die von Oxfam dargestellten Verteilungen sind also konkrete Hinweise auf aktive Steuervermeidungsstrategien. Diese bereichern die wohlhabenden Shareholder und die Führungskräfte der Unternehmen, allerdings auf Kosten des Gemeinwohls und vor allem auf Kosten der Menschen in ärmeren Staaten und Entwicklungsländern.

Durch die Verlagerung von Profiten in Steueroasen verlieren auch Industriestaaten wie die USA jährlich geschätzt 2,3 Milliarden Dollar, Deutschland rund 316 Millionen Dollar. Den Entwicklungsländern aus dem Bericht entgehen vergleichsweise „nur“ 112 Millionen Dollar. Doch sind es in Relation zu ihren gesamten Finanzen natürlich viel größere Mengen. Diese Staaten benötigen Gelder wie diese dringend, um beispielsweise in das Gesundheitssystem ihres Landes zu investieren. Impfungen, Hebammen oder ländliche Kliniken sind nur einige Beispiele für Bereiche, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen wären. Auch Investitionen in öffentliche Dienste wären wichtig, um Armut langfristig reduzieren zu können. Pharmakonzerne verhindern letztendlich zudem, dass Regierungen mehr in Gesundheitsforschung investieren können. Gleichzeitig gerät der Bereich der Forschung und Entwicklung in den Pharmakonzernen selbst immer weiter in den Hintergrund. Pfizer beispielsweise hat von 2006 bis 2015 nur 15 Prozent für diesen Bereich ausgegeben; 24 Prozent der Gewinne hingegen für Dividenden und Aktienrückkaufprogramme.

Der größte Nachtteil dieser Steuervermeidungsstrategien entsteht also für arme Länder. Deren Systeme sind am abhängigsten von Unternehmenssteuern und die verfügbaren staatlichen Mittel in Bereichen wie der Bildung und der Gesundheit sind zu gering und nicht ausreichend. Im Bericht explizit genannt werden Thailand, Indien, Ecuador, Kolumbien, Pakistan, Peru und Chile. Wenn die Regierungen dieser Länder alleine das Geld, das ihnen durch die vier großen US-Pharmakonzerne entgeht, in das Gesundheitswesen investieren würden, könnten bis zu 10 Millionen Mädchen das Leben gerettet werden. Gebärmutterhalskrebs ist eine der tödlichsten Krebsarten – alle zwei Minuten verantwortlich für den Tod einer Frau. 90 Prozent dieser Todesfälle finden in Entwicklungsländern statt und könnten durch eine einzige Impfung verhindert werden.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass Steuervermeidungen von Unternehmen arme Länder 100 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Geld, das sinnvoll investiert werden könnte um ein besseres Leben für viele zu schaffen und Fluchtgründe zu verhindern.

Steuervermeidung fördert die Ungleichheit. Ob innerhalb einer Gesellschaft oder global – zwischen fortgeschrittenen Volkswirtschaften und Entwicklungsländern – betrachtet. Dabei machen Konzerne wie Pfizer, Merck, Johnson&Johnson und Abbot nicht notwendigerweise etwas Illegales. Sie handeln aber ohne Frage moralisch höchst zweifelhaft. Oxfam fordert eine weitreichende Transparenz- und Berichterstattungspflicht und die Schließung von Steuerschlupflöchern. Auch weltweite Mindeststeuersätze könnten zu einer Verbesserung beitragen. Doch auch ohne gesetzliche Veränderungen sollte an dieser Stelle an die Moral  und die Vernunft von Unternehmen appelliert werden, damit diese ihren bedeutsamen politischen Einfluss verantwortungsbewusst einsetzen. 1) Oxfam: Prescription for Poverty; Bericht von September 2018 2) epo entwicklungspolitik online: Oxfam-Bericht: Pharmakonzerne unter Steuervermeidungsverdacht; Artikel vom 18.09.2018 3) allAfrica: Africa: Drug Companies Cheating Countries Out of Billions in Tax Revenues; Artikel vom 18.09.2018

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Mirjam / earthlink

Da die Kluft zwischen Arm und Reich - nicht nur in Deutschland, sondern auch zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern - immer größer wird und vielfältige Konsequenzen mit sich trägt, studiere ich Politikwissenschaft und Soziologie und versuche nun auch praktisch bei earthlink etwas Positives zu bewirken.

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