Seiten
Kategorien

Flucht aus Afrin – Ankaras Spiel mit den Flüchtlingen

-

 kurdische YPG-Kämpfer |  Bild: ©  Kurdishstruggle [CC BY 2.0]  - flickr

kurdische YPG-Kämpfer | Bild: © Kurdishstruggle [CC BY 2.0] - flickr

Flucht aus Afrin – Ankaras Spiel mit den Flüchtlingen

Afrin, die Hauptstadt der Kurdenregion im Nordwesten Syriens wurde am Wochenende vom türkischen Militär und seinen Verbündeten – den syrischen Rebellen – eingenommen. Die „Operation Olivenzweig“ lief bereits seit dem 20. Januar und hatte zum Ziel, die kurdische Volksverteidigungseinheit (YPG) aus Afrin zu vertreiben. In Folge des türkischen Angriffskrieges auf die mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt sind bereits mehrere zehntausend Menschen geflohen. 1) Zeit-Online: Aktivisten melden 16 Tote nach Angriff auf Krankenhaus in Afrin; Artikel vom 17.03.2018

Der Angriff der türkischen Armee war von Beginn an international auf Kritik gestoßen. Denn das Eingreifen der Türkei auf fremdem Territorium im Bürgerkriegsland Syrien ist mit dem Recht auf Selbstverteidigung nicht zu legitimieren. Zudem stört die Militäroffensive massiv die Bemühungen um einen Wiederaufbau des Landes. Die Belagerung des Distrikts Afrin rechtfertigte Präsident Erdogan mit dem Label der Terrorbekämpfung. Er sieht die dort ansässige YPG aufgrund ihrer Verbindung zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK, als eine Terrororganisation. Dieser angebliche Kampf gegen Terroristen ist in Wirklichkeit aber ein Feldzug gegen eine mögliche Autonomie mit kurdischer Beteiligung, wohlgemerkt jenseits der türkischen Staatsgrenzen auf syrischem Staatsgebiet. Die kurdische Miliz YPG ist im Kampf gegen den IS mit den USA verbündet und war maßgeblich an der Vertreibung der islamischen Terrormiliz aus Gebieten in Syrien verantwortlich – bevor deren Schreckensherrschaft in den letzten Jahren hunderttausende Flüchtlinge das Land in Richtung Türkei verlassen haben. 2) Spiegel Online: Afrin in Syrien – Türkische Einheiten übernehmen die Macht; Artikel vom 18.03.2018

Damit die mittlerweile Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei nicht weiter in Richtung der europäischen Grenzen ziehen, wurde 2016 ein Abkommen zwischen den EU-Ländern und Ankara geschlossen. Im Rahmen dieses Abkommens flossen bereits bis zu diesem Jahr sechs Milliarden Euro an die Türkei, um die Lebensumstände der Flüchtlinge dort zu verbessern und eben auch, damit sie genau dort bleiben. Für Europa bedeutete der „Flüchtlingsdeal“ sowie die Schließung der Balkanroute deutlich weniger Flüchtlinge an den eigenen Grenzen. Eine Bekämpfung der Fluchtursachen sowie die Durchsetzung von Waffenstillständen im Rahmen einer Vermittlerrolle waren nie Teil des Abkommens zwischen der EU und der Türkei. Im Gegenteil führt Erdogan nun mit dem Abkommen im Rücken und dem Wissen darüber, die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in der Hand zu haben, einen gnadenlosen Krieg gegen die Kurden. Mit seinem Vorgehen in Syrien verursacht er neue Flüchtlingsströme, wofür er paradoxerweise  gemäß dem EU-Türkei-Abkommen finanzielle Entschädigung erhält. Quasi ein Spiel mit dem Schicksal zigtausender Menschen. Die Reaktion der deutschen und europäischen Politik ist nicht mehr als eine besorgte Zur-Kenntnisnahme. Hierbei tritt die aktuelle Rolle der EU als Geisel der türkischen Politik zu Tage. Solange Präsident Erdogan die Flüchtlinge im eigenen Land hält und nicht weiter ziehen lässt, kann er seine Militäroffensive gegen die Kurden im syrischen Grenzgebiet durchführen ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Die Folge sind weitere Flüchtlingsströme, denen die EU nur zuschauen kann, während sie weiterhin von der Bekämpfung von Fluchtursachen spricht, ohne konkret etwas dafür zu tun. 3) Deutschlandfunk: Krieg in Syrien – Die Kurden fühlen sich im Stich gelassen; Artikel vom 19.03.2018 4) Focus Online: Warum sich die Bundesregierung nicht weiter zur Geisel türkischer Politik machen darf; Artikel vom 18.02.2018

Da die Türkei seit vielen Jahren Mitglied der NATO ist, sieht die Bundesregierung keinerlei Grund, die Lieferung von deutschen Kriegswaffen und Rüstungsgütern in die Türkei zu stoppen, denn der Export von Kriegswaffen an NATO-Staaten unterliegt grundsätzlich keinerlei Beschränkungen. So wird die kurdische YPG mit ausgemusterten Waffensystemen der Bundeswehr bekämpft. Beispielsweise ist der Leopard 2A4 Panzer im Einsatz sowie Kleinwaffen deutscher Bauart. Diese kurzsichtige und unverantwortliche Rüstungsexportpolitik bedarf einer sofortigen Beschränkung und Anpassung an das momentane Verhalten der Türkei. Ansonsten kommt der Bundesregierung weiterhin eine Mitverantwortung für die Eskalation in der Konfliktregion zu. 5) Deutschlandfunk: Offensive auf Afrin in Nordsyrien – Zeit für eine härtere Gangart gegenüber der Türkei; Artikel vom 17.03.2018

Nachdem Recep Tayyip Erdogan am gestrigen Sonntag bekannt gegeben hat, dass das Stadtzentrum von Afrin unter völliger Kontrolle von türkischen Einheiten sei, ist seine Mission bei weitem noch nicht beendet. Die mehr als 150 000 Zivilisten, die in den vergangenen Tagen vor den Bomben der türkischen Kampfflugzeuge aus der Stadt geflohen sind, werden nicht die letzten sein. Man geht davon aus, dass Ankara seine Angriffe auf weitere Gebiete mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit in Nordsyrien fortsetzen wird. Zudem plant die türkische Regierung eigenen Angaben zufolge, in der Region nichtkurdische Flüchtlinge, die aus Syrien geflohen waren, anzusiedeln. Dabei sollen allein in die Provinz Afrin bis zu 500.000 arabische Muslime gebracht werden. Angesichts dessen sollten die Nato-Länder darüber nachdenken, strengere Schritte gegen Erdogan einzuleiten und eine Vermittlerrolle im Syrienkonflikt einzunehmen. Andernfalls wird Syrien weiterhin Schauplatz für Stellvertreterkriege der Regionalmächte sein. 6) Welt: Afrin ist gefallen, der Krieg geht weiter; Artikel vom 19.03.2018

Beitrag teilen und unterstützen! (Bisher 11 Mal geteilt)

Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Über

24 Jahre, Student der Politikwissenschaften mit Interesse für gesellschafts- und umweltpolitische Themen.

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Weitere interessante Infos:
 Vor allem Kinder sind vom Jemenkrieg betroffen. Seit 2015 sind bereits über 80 000 Kinder unter fünf Jahren verhungert. | Bild (Ausschnitt): © Micharl Rung [CC BY-NC 2.0] - Flickr

Jemenkrieg: die geringe Medienaufmerksamkeit und die Doppelmoral des Westens

Der Jemenkrieg ist laut UN die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit – dennoch wird kaum darüber berichtet. Wie kann das sein? Während die Menschen dort verhungern, schlagen Länder wie die USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland ...
UN-Friedensmission in Mali UN Security Council convoy drives through the streets of Mopti, Northern Mali. | Bild (Ausschnitt): © United Nations Photo [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

MINUSMA – Auch sechs Jahre nach Beginn der UN-Mission kehrt in Mali keine Ruhe ein

Mali – Durch den Ausbruch eines Konfliktes machte das westafrikanische Land im Jahr 2012 traurige Schlagzeilen. Nach dem Sturz des libyschen Machthabers Muammar-al Gaddafi im Jahre 2011 verbündeten sich malische Tuareg-Kämpfer, die für Gaddafi gekämpft ...
Rohdiamant in der Hand eines Bergarbeiters. Rohdiamant in der Hand eines Bergarbeiters | Bild (Ausschnitt): © Anchesdd - Dreamstime.com

Land Grabbing in Sierra Leone: Wie ausländische Investoren der Bevölkerung die Lebensgrundlage nehmen

Rohstoffvorkommen sind in der Welt sehr ungleich verteilt. Gerade die ärmsten Länder dieser Erde verfügen über wertvolle Bodenschätze sowie fruchtbares Land, was sehr gut einen Beitrag dazu leisten könnte, die Armut in diesen Ländern zu ...
Nigeria women Nigerianisches Mädchen und ihre Schwester im Flüchtlingscamp in Maiduguri, Nordost-Nigeria | Bild (Ausschnitt): © USAID [(CC BY-NC 2.0) ] - flickr

Ein Jahrzehnt von Gewalt und Terror: Wie Boko Haram nigerianische Frauen für seine Zwecke benutzt

Am Freitag, den 26. Juli, jährte sich zum 10. Mal die Ermordung des Führers und Gründers von Boko Haram, Mohammed Yusuf. Dieser Tag löste ein Jahrzehnt von Gewalt und bewaffnetem Konflikt zwischen der aufständischen Gruppe ...
 Die Massentierhaltung für unseren Konsum fördert Welthunger und Fluchtgründe | Bild (Ausschnitt): © James Hill [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Sojaanbau, Abholzung & Klimawandel – Wie unser Fleischkonsum zu Fluchtursachen beiträgt

Wie wir uns ernähren, welche Konsumentscheidungen wir treffen und wie viel Wert wir auf regionale und saisonale Produkte legen, hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen für uns selbst, sondern auch auf Menschen in anderen Ländern. So ...
Konsum im Supermarkt Deutsche Supermarktketten achten viel zu wenig auf Ausbeutung entlang ihrer Lieferketten | Bild (Ausschnitt): © Grafner - Dreamstime.com

Oxfam-Studie zu Nachhaltigkeit: Miserable Bilanz für Edeka, Rewe, Lidl und Aldi

Eine neue Studie von Oxfam zeigt, wie wenig die großen deutschen Supermarktketten auf Menschenrechte achten. Am schlechtesten schnitt Marktführer Edeka ab. Ausbeutung von Arbeitskräften und Gewalt gegen Frauen interessiert den Lebensmittelgiganten überhaupt nicht - die ...
Ausführlicher Hinweis zum Datenschutz
[contentblock id=datenschutz]

Diesen Hinweis schließen

Jetzt den earthlink-Newsletter abonnieren:



Das Formular
wird geladen -
bitte einen Moment ...
PGlmcmFtZSBmcmFtZWJvcmRlcj0iMCIgYm9yZGVyPSIwIiBzdHlsZT0iYm9yZGVyOm5vbmU7IiBjbGFzcz0iYXV0b0hlaWdodCIgc3JjPSJodHRwOi8vd3d3LmVhcnRobGluay5kZS8/d3BtbG1ldGhvZD1vZmZzaXRlJmlmcmFtZT0xJmxpc3Q9MSIgaGVpZ2h0PSI0MDAiPg0KCTxwPkRhcyBGb3JtdWxhciBsw6RkIC0gYml0dGUgZWluZW4gTW9tZW50IHdhcnRlbiAuLi48L3A+DQo8L2lmcmFtZT4=
Ihre Daten behalten wir für uns!
Unsere Datenschutzerklärung
Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Liebe Leserinnen und Leser:

Verzeihen Sie bitte die Störung. Heute bitten wir Sie um Ihre Unterstützung. Unsere Kampagne "Fluchtgrund" erfährt großen Zuspruch und viel Lob für die umfangreichen und fundierten Informationen, die wir auf dieser Website bieten. Die Informationen werden genutzt von Interessierten, die sich objektiv über die Gründe informieren möchten, die Menschen dazu bringen ihre angestammte Heimat zu verlassen, von Schülerinnen und Schülern um Referate vorzubereiten, aber auch von Journalistinnen und Journalisten auf der Suche nach detaillierten Hintergrundinformationen. Aber nur ein Bruchteil der Nutzer spendet.

Trotzdem ein großer Teil der Arbeit durch Ehrenamtliche erbracht wird, kostet die Kampagne auch Geld. Hier sind wir auf Ihre Spende angewiesen! Wenn alle, die dies lesen, einen kleinen Beitrag leisten, hätten wir in einem Monat das Geld zusammen, das wir für ein Jahr benötigen. Schon der Preis einer Tasse Kaffee würde genügen. Es ist leicht, diese Nachricht nicht zu beachten und die meisten werden das wohl tun.

Wenn Sie diese Website nützlich finden, nehmen Sie sich jetzt bitte eine Minute Zeit und geben Sie mit Ihrer Spende etwas zurück. Herzlichen Dank!

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?

Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Sie können uns Ihre Spende online per PayPal zukommen lassen. Wenn Sie noch kein PayPal-Konto haben, können Sie hier auch mit Kreditkarte spenden.

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?

Auf welchem Weg möchten Sie uns unterstützen?

Herzlichen Dank für Ihre Spendenbereitschaft!

Ihre Spende können Sie gerne auf unser Spendenkonto überweisen oder einzahlen:

[contentblock id=spendenkonto]

SPENDENKONTO: earthlink e.V., IBAN: DE66 7002 0500 0008 8885 00, BIC: BFSWDE33MUE - Was passiert mit meiner Spende?